Konfliktfähigkeit mit Schülern erarbeiten

Von Christine Laude, November 2021

Welche Gesprächsfähigkeit und welche innere Haltung müssen entwickelt werden, um Konflikte konstruktiv lösen und sie als Chance für eine individuelle Weiterentwicklung sowie eine zukunftsfähige Gestaltung von Gemeinschaft ergreifen zu können?

Wo Menschen zusammenleben und -arbeiten, treffen Unterschiede aufeinander. Sie erzeugen immer wieder Konflikte. Im Alltag setzen wir Konflikte oft gleich mit Streit, Aggression und Gewalt, und bewerten sie deshalb negativ. Man kann sie aber auch ganz sachlich und neutral, als Unvereinbarkeiten im Denken, Fühlen oder Handeln beschreiben. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Bewertung unserer Konflikte gerade von unserem jeweiligen Umgang mit diesen Unvereinbarkeiten und ihren Folgen geprägt ist. An der Wurzel jedes Konflikts liegen Divergenzen bei der Beurteilung des Konfliktthemas. Diese scheinen den Beteiligten zunächst nicht auflösbar. Zudem neigen wir alle dazu, unsere Vorstellungen für wahr, angemessen oder vordringlich zu halten. Wir wollen in der Regel unsere Sichtweise durchsetzen oder treten – jegliche Auseinandersetzung vermeidend – den Rückzug an. Ein konstruktiver Umgang mit Konflikten würde jedoch bedeuten, die Interessen aller Beteiligten anzuerkennen, den Blick lösungsorientiert auf Gemeinsamkeiten zu richten und so eine neue Basis für das gegenseitige Verständnis zu schaffen.

Eine erste Voraussetzung dafür entsteht im Zuhören. Aktives Zuhören führt zu differenzierter Wahrnehmung und gegenseitigem Erkennen. Wesentlich ist, sich Zeit zu nehmen, denn häufig tauchen beim ersten Zuhören persönliche Gefühle auf und rufen unsere Meinung auf den Plan. Übe ich mich jedoch darin, sie zu erkennen und zurückzunehmen, kann ein wirkliches Zuhören gelingen. Wer zuhört, bringt sein eigenes Inneres zum Schweigen, fällt dem anderen nicht ins Wort und sucht nicht währenddessen bereits nach einer Erwiderung. Dieses uneingeschränkte Zuhören schafft eine neue zwischenmenschliche Verbindung. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf alles, was in einer Begegnung mitschwingt, und worauf die kommunikative Interaktion eigentlich abzielen möchte.

Wer konfliktfähig ist, ist beziehungsfähig

Die Tendenz, an unseren Meinungen festzuhalten, nennen wir Vorurteil. Wir bleiben im wahrsten Sinne des Wortes auf den eigenen Urteilen sitzen. Als weitere Voraussetzung für das Gelingen der Kommunikation ist folgende Einstellung hilfreich: Ich bin bereit, mich zu öffnen, andere Ideen, Aspekte und Gesichtspunkte zuzulassen und diese gemeinsam mit anderen weiterzuentwickeln. Dabei kann auch die Bereitschaft entstehen, zu Gunsten der anderen, eigene Ansichten oder Bedürfnisse zurückstellen. Dies kann gelingen, wenn man innerlich empfänglich wird für die Vielfalt seelischer Erlebnisse, die wir als Menschen in all unserer Unterschiedlichkeit haben. Diese Aspekte erschließen die Fähigkeit authentischen Interesses und bilden die Grundlage für gegenseitiges Verstehen, »…. eine nicht endende Tätigkeit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt, durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein«, so Hannah Arendt. Dadurch kann sich Konfliktfähigkeit als Ausdruck von Beziehungskompetenz herausbilden, die selbst nie abgeschlossen, eine im Gegenwärtigen sich entwickelnde, stets Werdende bleibt.

Keine Lösungen ohne den Menschen

Wie erleben Kinder und Jugendliche heutzutage die sie umgebende soziale Welt? – Sie begegnen sozialen Polarisierungen, die sich oft in schablonenhaftem Denken, in Ablehnung, Unversöhnlichkeit, Gleichgültigkeit und Selbstbezogenheit ausleben. Ein Gefühl der Entfremdung gegenüber Menschen und Dingen scheint allgegenwärtig, das sich darin ausspricht, alles langweilig, nichtssagend oder bedrohlich zu empfinden. Gelingt eine vorurteilsfreie Sicht auf diese Phänomene, wird deutlich, dass an allen gesellschaftlichen Veränderungen immer und überall Menschen beteiligt sind. Das macht eine Auseinandersetzung mit unserer Beziehungskultur dringlich und erfordert, sich selbst in Beziehung zu anderen Menschen denken und erleben zu können.

Die Wirkung, die Menschen aufeinander ausüben, gestaltet sich schon allein durch wechselseitige Resonanz. Joachim Bauer führt sie auf neurobiologische »Spiegelsysteme« zurück. Rudolf Steiner beschreibt die zwei seelischen Grundkräfte Sympathie und Antipathie als konstitutiv für Beziehungen zwischen Menschen. Sympathie ist die Kraft, die eine andere Seele anzieht, Antipathie die Kraft, mit der die Eigenheit behauptet wird. In der Sympathie schlafen wir gleichsam im anderen ein, in der Antipathie erwachen wir zu uns selbst. In der Pendelbewegung zwischen beiden bildet sich unsere Individualität und unser Bewusstsein der Mitwelt. Zunächst durch Erziehung, später durch Selbsterziehung. Es ist das Kerngeschehen aller Begegnung. Es kann deshalb nicht verwundern, dass wir alles, was an Einstellungen, Handlungsweisen und Werten in der Gesellschaft lebt sowie unsere eigene innere Haltung als Erwachsene im Umgang miteinander bei Kindern und Jugendlichen im Rahmen ihrer Entwicklungsschritte gespiegelt finden. Erwachsene spielen daher – durch ihr Vorbild in der kritischen Zeit des Heranwachsens um das zweite Lebensjahrsiebt und durch Teilhabemöglichkeiten der Jugendlichen im dritten Jahrsiebt – eine entscheidende Rolle dabei, wie diese ihr Leben später ergreifen können.

Die Schule als Resonanzraum eines gelingenden Zusammenlebens

Junge Menschen, die sich auf den Weg Richtung Autonomie begeben, brauchen Ermutigung und positive Vorbilder.

Die Resonanzen, die sie in der Schule erleben, sind von überragender Bedeutung. In diesem sozialen Erfahrungs- und Lebensraum, in dem Kinder und Jugendliche die wichtigste Phase ihres Heranwachsens miteinander verbringen, sollten Lebensmut, Selbstwahrnehmung, Urteilsfähigkeit, Anerkennung von Grenzen und Verantwortungsbereitschaft entwickelt und geübt werden, um die Geheimnisse eines gelingenden sozialen Zusammenlebens zu entdecken.

Als Erwachsener gestalte ich durch die Arbeit an meiner konstruktiven und wertschätzenden Haltung sowie mittels innerer Präsenz und geeigneter Rahmenbedingungen den Möglichkeitsraum für diese Ich-Du-Erfahrungen.

Ungefähr ab dem zwölften Lebensjahr spielen bei Jugendlichen die Außen- und Selbstwahrnehmung sowie das Selbstwertgefühl eine zunehmend wichtigere Rolle, eine neue Form von Reflexions- und Abstraktionsfähigkeit erwacht. Die wachsende Abgrenzungsfähigkeit verstärkt ihr Gefühl, auf sich selbst gestellt zu sein. Sie lösen sich aus gewohnten Zusammenhängen und aus dem selbstverständlichen Miterleben der sozialen Umgebung. Mit dem Ende der Pubertät mündet diese Entwicklungsphase in eine autonome Beziehungsfähigkeit, ein neues Verhältnis zur Welt und zu Mitmenschen.

Peermediation: Aus eigenem Antrieb Verantwortung übernehmen

Peermediation ist eine besonders geeignete Form, das eigene Gestalten des sozialen Umgangs miteinander auf der Basis dieser neu erwachten Beziehungsfähigkeit zu vertiefen und zu stärken. – Schülermediation basiert auf der in der USA entwickelten »Peer-Group-Education« (der Erziehung durch Gleichaltrige). Dabei wird auf die besondere innere Bindungskraft gebaut, die Jugendliche zu ihresgleichen haben. Wenn Schülerinnen und Schüler aus innerem Antrieb heraus Werte des gewaltfreien, toleranten Umgangs miteinander entwickeln und lernen, Konflikte selbst zu lösen, hat dies einen nachhaltigen Einfluss und wirkt zurück auf das Kommunikationsklima in der ganzen Schule. Selbstbestimmte Veränderung lässt sich jedoch nicht vermitteln, indem man Jugendliche mit Beurteilungen, Maßregelungen beziehungsweise starren Verhaltensvorschriften intellektuell anspricht, denn das hieße lediglich, ihnen das Wertesystem der Erwachsenen überzustülpen. Vielmehr kann uns Achtung und Respekt vor der menschlichen Freiheit in unserem pädagogischen Handeln motivieren, damit die jungen Menschen die Impulse, die sie »leiten und treiben im Leben« (Rudolf Steiner), in sich selber finden. So können Heranwachsende aus eigenem Antrieb Verantwortung für das, was sie als richtig erkennen übernehmen und Einsichten in eine Veränderung des eigenen Handelns umsetzen.

Lernen, vom anderen aus zu denken

In einer Peermediations-Ausbildung werden beispielsweise durch ergebnisoffene Übungen Situationen geschaffen, in denen sich die Schülerinnen und Schüler mit sich widersprechenden Positionen, Gefühlen und Bedürfnissen konfrontiert sehen. Schauen wir noch einmal genauer auf die Vorstellungen, die wir uns über andere Menschen gebildet haben. Das Problematische an ihnen ist häufig, dass sie auf die Vergangenheit bezogen sind. Es verbirgt sich in ihnen ein Urteil, das sich auf frühere Erfahrungen bezieht, aber zum Vorurteil wurde, weil wir es unhinterfragt »mitgeschleppt« haben. Dadurch verhindert es jedoch das unvoreingenommene Urteilen, in dem ja das miteinander Teilen steckt. Es ist also eine (selbst)reflektierende seelische Geste notwendig, diesen vergangenen Erfahrungshintergrund aufzuspüren, um ihn loszulassen zu können. Dann erst können wir uns öffnen und dem Gegenwärtigen zuwenden.

Durch das Erleben eines Konflikts aus der Perspektive unterschiedlicher Rollen wird das Verständnis für diesen Zusammenhang initiiert und die Entwicklung eigenständiger Urteilsfähigkeit auf sozialer Ebene unterstützt – gleichzeitig wird die Fähigkeit, vom anderen her zu denken, gefördert.

Die Brücke hält Stand

Ein Konfliktpartner wird dadurch nicht mehr als »Gegner« wahrgenommen, sondern als jemand, der andere, aber gleichberechtigte Interessen vertritt. Dies kann eine innere Bereitschaft entstehen lassen, nicht nur die eigenen Bedürfnisse und Interessen zu verwirklichen, sondern aktiv an der Erfüllung der Bedürfnisse und Interessen anderer mitzuwirken. Das Erlebnis, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, wird zur Grundlage für Veränderung und setzt die Kreativität frei, um nach zukunftsorientierten, tragfähigen Lösungen zu suchen. Beeindruckend und konkret kann man das an folgender Kooperationsübung erleben:

Auf da Vincis Spuren muss aus gleichlangen starren Hölzern – ohne weitere Hilfsmittel – eine Bogenkonstruktion erstellt werden, die sogenannte »Leonardo-Brücke«. Die Grundidee, die von den Schülerinnen und Schülern selbstständig im Austausch miteinander gefunden werden muss, besteht in der Übertragung des Flechtprinzips auf starre Bauteile. So stützen sich die Bauteile durch geschickte Verschränkung gegenseitig. In unserer diesjährigen Schüler-Mediations-Ausbildung wurde die Aufgabe von den Jugendlichen eindrucksvoll gelöst. Die besonders filigran erstellte Brücke hielt jeder Erschütterung stand, selbst als wir sie mit 24 Personen durch einen gemeinsamen Sprung zum Einsturz bringen wollten.

So können junge Menschen erleben, dass soziale Verbundenheit und die Übernahme von Verantwortung nicht gegen Autonomiebestreben steht, sondern prozesshaft und immer wieder originär durch jeden einzelnen individuellen Menschen gestaltet werden muss.

Literatur: H. Arendt: Denken ohne Geländer – Texte und Briefe. Hrsg v. H. Bohnet und K. Stadler, München 2006. | J. Bauer: Warum ich fühle, was Du fühlst – Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone, Hamburg 2005. | J. Bauer: Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz, München 2019. | K.-M. Dietz: Erziehung in Freiheit. Rudolf Steiner über Selbstständigkeit im Jugendalter, Heidelberg 2003. | R. Steiner: Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit. GA 83, Dornach 1981. | R. Steiner: Soziale und antisoziale Triebe im Menschen. GA 186, Dornach 1990. | R. Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. GA 293, Dornach 1980. | R. Steiner: Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst. GA 305, Dornach 1991.

Zur Autorin: Christine Laude war Schülerin an der Waldorfschule Frankfurt, studierte Politik, Philosophie und Kunstgeschichte und unterrichtete nach ihrer Waldorflehrerausbildung in Stuttgart als Oberstufenlehrerin. Später Ausbildung zur Mediatorin und Schulmediatorin. Gründung des Instituts für Soziale Gestaltung und Mediation. Als freiberufliche Dozentin in der Lehrerausbildung tätig.

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